Systemisches Konsensieren im Detail

Systemisches Konsensieren (kurz SK) ist ein wichtiges Mittel zur Entscheidungsfindung bei uns. Daher erklären wir das Verfahren hier im Detail. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen des SK und man kann es an seine Bedürfnisse anpassen. Aber wir führen es so durch, wie es hier beschrieben ist.

So funktioniert es

SK ist ein Verfahren, um in einer Gruppe eine Entscheidung zu treffen. Im Unterschied zu einer einfachen Abstimmung, bei der man nur mit Ja, Nein oder Enthaltung abstimmen kann, liefert es bessere Ergebnisse.

Wichtig ist, dass man SK als Prozess zu einer Entscheidung versteht. Es ist mehr, als einfach nur eine Abstimmungsmethode. Außerdem muss der Wille zur Einigung vorhanden sein. Wenn eine Gruppe vollkommen zerstritten ist, sollte man zunächst den Weg der Mediation wählen, denn SK ist ein Mittel, um Entscheidungen zu finden und nicht, um Konflikte zu lösen.

Der Prozess der Entscheidungsfindung besteht aus mehreren Phasen:

  • Die Fragephase, in der man sich auf die Fragestellung einigt
  • Die Vorschlagsphase, in der Lösungen zur Frage vorgeschlagen werden
  • Die Abstimmungsphase, in der die Lösungen bewertet werden
  • Die Reflektionsphase, in der das Ergebnis bewertet wird

Die Phasen werden im Folgenden näher beschrieben

Fragephase: Was wollen wir eigentlich wissen?

Eine gute Frage zu formulieren ist nicht einfach und ein wichtiger Teil einer guten Entscheidung. Die Frage kann Details nennen, aber auch vollkommen offen sein. Man kann auch in mehreren Schritten arbeiten und mehrere SK-Durchläufe nacheinander durchführen, um sich der Lösung anzunähern.

In der Frage kann man Vorgaben für die Antworten machen, wenn alle dies akzeptieren. Wenn man beispielsweise fragt: „Wie wollen wir das Klima schützen!“ könnte man vorher z.B. festlegen, ob man sich im Rahmen der Gesetze bewegen muss oder ob Mittel des zivilen Ungehorsams erlaubt sein sollen.

Sollte es Probleme geben, eine Frage zu formulieren, kann man auch die Frage per SK finden.

Vorschlagsphase: Wer hat Ideen und wie findet ihr sie?

In der Vorschlagsphase können alle ihre Lösungsvorschläge nennen. Ein Lösungsvorschlag ist immer automatisch dabei, die sogenannte Passivlösung. Diese Lösung bedeutet: „Wir tun nichts“, „Wir überlassen die Situation sich selbst“ oder „Alles bleibt, wie es ist“. Je nach Situation und Fragestellung kann man die Passivlösung passend benennen.

Alle Teilnehmer sind aufgefordert, die Lösungsvorschläge zu kommentieren und Fragen dazu zu stellen.

Man kann sich auch mit anderen verständigen und Lösungsvorschläge zusammenlegen.

Wichtig ist, dass sich vor der Abstimmungsphase alle einig sind, dass alle Lösungsvorschläge berücksichtigt und alle Fragen beantwortet sind. Vorher darf die Abstimmungsphase nicht beginnen. Besteht Uneinigkeit oder gibt es noch Missverständnisse, müssen diese vor der Abstimmung gelöst werden. Wenn eine Gruppe Probleme hat, sich auf eine Frage und die möglichen Lösungen zu einigen, ist das oft ein Hinweis auf einen tiefer liegenden Konflikt. Es kann aber auch sein, dass die Gruppe mehr Zeit zum Nachdenken oder weitere Informationen braucht.

Abstimmungsphase: Gibt es Widerstände?

Hier zeigt sich der größte Unterschied zu klassischen Abstimmungen.

Alle Abstimmenden dürfen alle Vorschläge bewerten. Man stimmt also nicht für eine Lösung, sondern man darf für alle Lösungen sagen, wie man sie findet.

Bewertet wird auf einer Skala von 0 bis 10. Dabei ist 0 der beste Wert und 10 der schlechteste. Also ähnlich wie bei Schulnoten, nur eben von 0 bis 10. Beim SK heißen diese Werte nicht Noten sondern Widerstände. Man gibt also an, wie hoch der eigene Widerstand gegen alle Lösungen ist.

Wird über Personen abgestimmt, also z.B. für Wahlen von Ämtern, Mandaten oder Listen, erfolgt die Abstimmung grundsätzlich immer geheim. Bei allen anderen Themen findet eine geheime Abstimmung nur auf Antrag statt.

Am Ende der Abstimmung werden die Widerstände für jede Lösungen zusammengezählt und geben den Gesamtwiderstand der Lösung.

Die Lösung mit dem geringsten Widerstand gilt als gewählt.

Es ist völlig egal, wie hoch oder niedrig die Widerstände sind. Entscheidend ist, dass eine Lösung weniger Widerstand hat als die Passivlösung. Es kann sein, dass es für ein Problem nur sehr schlechte Lösungen gibt. Wenn es aber noch schlechter wäre, nichts zu tun, ist auch eine schlechte Lösung akzeptabel.

Reflektionsphase: Sollten wir noch mal darüber reden?

Oft findet man mit dem SK den besten Kompromiss, der für alle eine gute Lösung darstellt. Es kann aber sein, dass mit diesem Kompromiss einige der Teilnehmenden sehr unzufrieden sind. In diesem Fall sollte man eine – und nur eine – zusätzliche Runde drehen.

Wer einen maximalen Widerstand von 10 vergibt, ist mit einem Vorschlag sehr unzufrieden. Ein Widerstand von 10 sollte eigentlich nur gewählt werden, wenn man die Gruppe in diesem Fall verlassen würde. Ein Widerstand von 10 kann auch auf einen inneren Konflikt hinweisen oder auf eine sehr polarisierende Frage. Es kann auch sein, dass Einzelne mit dem SK noch nicht vertraut genug sind und versuchen, über 0 und 10 das gewohnte Ja und Nein abzubilden.

Wenn der Lösungsvorschlag, der insgesamt den geringsten Widerstand hat, auch maximale Widerstände hat, sollte man darüber reden. Es wäre unklug und unsensibel, einfach eine Lösung zu wählen, die für Einzelne nicht tragbar ist.

In diesem Fall kann auf Antrag einmalig (wirklich nur einmalig) erneut in die Vorschlagsphase gewechselt werden. Vielleicht kann man ja den Vorschlag abändern, um die Probleme zu lösen oder einen neuen Vorschlag als Kompromiss einbringen. Danach wird erneut abgestimmt. Hat jetzt wieder der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand auch maximale Widerstände, gilt das Ergebnis als gewählt. Man sollte jedoch versuchen, den darunter liegenden Konflikt per Mediation aufzuarbeiten.

Was man beachten sollte

SK liefert gute Ergebnisse, wenn man sich einigen möchte. Man sollte es nicht zur Lösung eines Konfliktes verwenden.

Gibt es nur eine Option, die per Abstimmung bestätigt werden soll, ist SK zu aufwendig. In diesem Fall kann man auch klassisch abstimmen, sollte aber abfragen, ob jemand maximalen Widerstand gegen das Ergebnis hat.

Sind Menschen dabei, die noch nie per SK abgestimmt haben, sollte man mit einer Probeabstimmung zu einem unverfänglichen Thema beginnen. Sind sich nach dieser Abstimmung noch nicht alle sicher, gerne noch eine zweite Probeabstimmung. Falls niemand Erfahrung mit SK hat, fragt bitte beim Bundesvorstand (oder hier per „Kontakt“) nach Unterstützung. Wir helfen gerne.